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Pressebericht von Klaus Kuhn im Wochenblatt vom 18.05.2011
Viele träumen davon, bei einer Casting-Show wie X-Factor mitzumachen. Für das Landshuter Talent Mellie Kraus hätte dieser Traum in Erfüllung gehen können. Doch dann verzichtete sie lieber auf das vermeintlich tolle Angebot.
Es war der Papa, der zusammen mit dem Konzertagenten Uwe Penner buchstäblich in letzter Minute die Reißleine zog. Der Vertrag war schon unterschrieben, übrigens auch vom Vater, als dem noch Zweifel kamen und er den Vertrag Uwe Penner vorlegte. Der reagierte entsetzt. Um ein Haar hätte sich die junge Landshuter Sängerin Mellie Kraus – Drittplatzierte beim Simon Schott Preis 2007 in München und Trägerin weiterer Auszeichnungen – regelrecht verkauft. Die Produktionsgesellschaft Grundy, die unter anderem „Deutschland sucht den Superstar“ für RTL produziert, wollte Mellie für „X-Factor“ haben.
Der Vertrag, der da beinahe los geschickt worden wäre, liegt der Wochenblatt-Redaktion vor, und der hat es in sich: „Ich übertrage hiermit dem Produzenten zur ausschließlichen beliebig häufigen Nutzung sämtlich bei mir bereits entstandenen beziehungsweise von mir erworbenen und noch zu erwerbenden Nutzungs-, Leistungsschutz und sonstigen Rechte…“
Mellie hat bereits eine CD auf dem Markt, und da haben auch andere mitgewirkt. Das ficht die Produktionsgesellschaft in Köln nicht an. „Ich stelle den Produzenten von allen Ansprüchen Dritter frei.“ So heißt es weiter unten in dem mächtigen „Kleingedruckten.“ Fallen Reisekosten oder gar Verdienstausfall für die Teilnahme an der Produktion an, ist das auch Mellies Problem. Diese Auslagen werden „ausnahmslos nicht übernommen.“
Bei Casting-Shows kann man auch rausfliegen. Die Rechte an den früheren Plattenaufnahmen bleiben dann aber futsch, denn: „Die in dieser Vereinbarung vorgenommene Rechtsübertragung bleibt von einem etwaigen Ausscheiden unberührt.“ Wovon Mellie ihren Lebensunterhalt bestreitet, ist gleichgültig. „Ich erhalte für meine Teilnahme an der Produktion und Rechteübertragung keine Vergütung.“ So der lapidare Satz in Absatz elf des Vertrages.
Vater Michael Kraus ist sauer: „Es gibt eine Kindheit und eine Jugend, die man durchleben sollte“, wettert er in dem Gespräch mit dem Wochenblatt. Dabei war die Gesellschaft mächtig interessiert an dem Landshuter Nachwuchstalent: „Die wollten unbedingt mit mir selbst telefonieren“, erzählte sie. Eine Schule gibt es so ganz nebenbei auch noch, konkret: die Wirtschaftsschule Seligenthal, wo sie die achte Klasse besucht.
Agent Uwe Penner plant die Auftritte – 25 waren es im vergangenen Jahr – unter Berücksichtigung ihrer schulischen Laufbahn. Derlei findet sich in dem vorliegenden Vertrag nicht.
Pressesprecherin Simone Lenzen von Grundy bedauerte, dass Mellie sich gegen „X-Factor“ entschieden habe. „Das ist schade, weil es ein ganz tolles Format ist.“ Den Vertrag hält sie nicht für sittenwidrig. „Letztendlich kann jeder frei entscheiden, ob er mitmachen möchte oder nicht mitmachen möchte“, so die Sprecherin, die bis Redaktionsschluss aber noch keine Angaben darüber machen konnte, ob die Vertragsformulierungen wirklich so hart zu interpretieren sind, wie das jetzt die Betroffenen getan haben.
„Der Gewinn sind neue Verträge“
Grundy-Pressesprecherin Simone Lenzen zu der Frage der Rechtsübertragung und warum die Künstler auf ihre bestehenden Vereinbarungen verzichten müssen: „Es geht allein um die Rechteübertragung im Zusammenhang mit der Produktion ,X Factor’. Und da der Gewinn bei ,X Factor’ Platten- und Managementverträge sind, macht es keinen Sinn, dass Kandidaten bereits mit Managementvertrag antreten.“
Autor: Kuhn